Treffen im Arbeitskreis Religionsästhetik im Juli 2021

Einen Monat nach dem Treffen des Arbeitskreises im Juni 2021 fand ein weiteres Treffen statt. Am Donnerstag, den 8.7., und am Freitag, den 9.7., jeweils von 10-13 Uhr, besprachen wir wir weitere Texte zum Thema Ritual und Emotion/Affekt und planten weitere Aktivitäten. Es kamen die Ideen auf, im Juni 2022 eine Tagung in Tübingen zu organisieren, sich mit einem Panel an der EASR 2022 in Cork (27.6.-1.7.) zu beteiligen und sich einmal im Monat zu einer Online-Jour-Fixe zu treffen.

Am Donnerstag besprachen wir die folgenden Texte, um an das Thema unseres Treffens im Vormonat anzuknüpfen. Im Folgenden einige Stichpunkte zu unserer Diskussion:

van Alphen, Ernst: Affective Operations of Art and Literature,

RES 53/54, Spring/Autumn 2008, 20-30.

    • Zustimmung zu dem Ansatz, Emotion nicht nur als private, personengebundene Angelegenheit (als “Flüssigkeit in einem Container”) zu begreifen, sondern auch als Passion oder gar Besessenheit
    • Affekt als Form von Überwältigung (wie das “Heilige” oder “Erhabene” bei Otto und Schleiermacher). Ist auch Langeweile ein Affekt? Kunst, Literatur und Rituale “entfesseln” nicht nur Intensitäten oder “das Erhabene”, sondern auch Langeweile.
    • Affekt hört da auf, wo Worte einsetzen – und wird zu “Feeling” und “Emotion”
    • Klinische Studien, auf die sich Affect Theories oft berufen, erliegen und reproduzieren kartesianische Dichotomien. Daher bleibt die Dekonstruktion der Dichotomien bzw. die Analyse verschwimmender Grenzen weiterhin eine wichtige Aufgabe. 
    • Predictive Mind Theory eignet sich als Dachtheorie, um Affect Theory in Aestor einzuschließen und neue Erkenntnisse zur Fähigkeit des kognitiven Systems und der körperlichen Einfügung in die Umwelt zu berücksichtigen. Inwiefern ermöglicht Fiktionalität ein “Sich-Einfühlen”? Wie äußern sich dabei die körperlichen Verhaltensimpulse, aus denen “Affekte” immer auch bestehen? “Welche Sozialität wird dabei produziert”?
    • Die Theorie einer Relationalität, “in der man sich selbst auflöst”, ist hilfreich beim Verstehen – sofern man bereit ist, selbst Literatur zu produzieren und Erfahrungen von Künstler*innen zu teilen, die in ihrer Imagination selbst intensive Affekte durchlebe

Leavitt, John: Meaning and Feeling in the Anthropology of Emotions,

American Ethnologist 23.3 (1996), 514-53.

    • Ausgangsfrage ähnlich wie bei van Alphen, es geht um eine konkrete Szene. Die Frage, mit welchem Recht Ethnograph*innen etwa den Zorn, den sie in anderen beobachten, als solchen benennen und eigenen Zornerfahrungen damit verknüpfen können, bleibt auch hier letztlich unbeantwortet. Stattdessen lädt Leavitt dazu ein, sich damit zufriedenzugeben, dass es geschehe: “Empathy happens” (S. 530). Eine ausführlichen Gegenüberstellung von naturalistischen und kulturalistischen Emotionstheorien und lokalen Emotionsbegriffen aus Uttarakhand im indischen Zentralhimalaya mündet in die These, dass es sich bei dieser Dichotomie um ein Produkt europäischer Ideengeschichte handelt (besser gesagt, der kartesischen Denktradition, die nie die einzige war). In der Feldforschung offenbart sie sich schnell als künstlich und aufgepfropft: “Why shouldn’t a pragmatic act and a communicative performance also be a bodily experience and an expressive vehicle”?
    • Künstler wie Proust schaffen es, im Schreiben über Atmosphären etwas über die Welt zu sagen, sodass es viele lesen und verstehen. Wir müssen von Schriftstellerinnen lernen.
    • Viele Leser auf dem Markt der Literatur heißt nicht, dass es “wirklich” Resonanz hat (“Wert” eines Kunstwerk).
    • Leavitt wirft Fragen auf, die noch einen Schritt zurück gehen. Wir tun oft so, als ob wir wüssten, wovon die Rede ist, als ob es “Andacht”, “Ehrfurcht” etc. gebe – auch wenn wir davon sprechen, dass sie generiert und gelenkt werden. Der Schritt vorher wäre: Was ist denn Ehrfurcht?